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Claudia Grothus

Autorin

Tag 11 – Ava auf der Brücke

Ich wache davon auf, dass mein ganzes Zimmer von Sonne durchflutet ist. Dabei ist es noch superfrüh am Morgen. Um sieben stelle ich fest, dass ich keine Chance habe, auf diesem schönen Balkon irgendetwas am Notebook zu machen. Eigentlich wollte ich beim Frühstück in Social Media und die Foren schauen, aber mein Bildschirm spiegelt in der Sonne derartig, dass ich das vergessen kann. 

Stattdessen lese ich bei Kaffee und Croissants in einem hübschen Heft über die Altstadt von Sassnitz, in der ich mich ja gerade befinde. Hier sind sie alle durchgekommen: Caspar David Friedrich malte die Kreidefelsen, Johannes Brahms, der hier in der Ringstraße (in der ich auch wohne) logiert hat, beendete in Sassnitz seine erste Sinfonie, Theodor Fontane ließ nach einem Besuch Effi Briest nach Sassnitz reisen, Kaiserin Auguste Victoria hat es sich hier mit allem Prunk gut gehen lassen und sogar Lenin kehrte von seinem Schweizer Exil über Sassnitz heim nach Russland. 

Soso. Wertet das jetzt irgendwie mein Tun hier auf? Nein. Aber manchmal denke ich, sowas muss man berichten. Muss man aber gar nicht, oder? Na, ich lass es jetzt mal stehen.


Da ich anscheinend vor elf Uhr nicht gescheit arbeiten kann, mache ich mich zu einem kleinen Rundgang auf. Ich gehe auf den extrem bescheidenen Wochenmarkt und erstehe wenigstens ein bisschen Grünzeug. Von da aus laufe ich hinunter zur Fußgängerbrücke, die mich in den Hafen führen soll.

„Fußgängerbrücke“ hört sich jetzt so banal an. Das ist ein Riesending, das in einer ganz weiten Schleife von hoch oben langsam nach unten führt. Mit sehr durchsichtigem, gar nicht so allzu hohem Geländer. Also nichts für Leute mit Höhenangst. Ich gehe natürlich drüber. Und spüre unterwegs dann doch deutlich die Amygdala. Paradoxerweise liebe ich ja Brücken, obwohl ich definitiv Höhenangst habe. Die hier war jetzt so knapp auf der Grenze. 

Froh, wieder auf dem Boden zu sein, schlendere ich durch den so früh noch leeren Hafen mit allerlei Andenken-Buden und Restaurants. Ich sehe zum ersten Mal eine Eisdiele, in der man auch Fischbrötchen kaufen kann. 

Und da das hier alles keine Entfernungen sind, komme ich bald wieder auf meinem weißen, spitzenbesetzten Balkon an. Jetzt ist das Licht besser.


Ich schreibe heute wieder dem Geschehen hinterher. Unglaublich schnell ist es später Nachmittag. Ich muss meine ganzen Muskeln lockern und geh nochmal das Privattreppchen runter ans Wasser. Balanciere über die großen Steine, heute noch etwas über meinen gestrigen Denkfelsen hinaus.

Ich brauche diese kommenden drei Tage noch. 

 

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Und wie ging es heute in der Villa weiter?

So langsam verlieren meine Protagonist:innen die Kontrolle über das Geschehen. Ihr Handeln unterliegt Zwangsläufigkeiten und Affekten. Katja ist gestern wutschnaubend zu ihrer Tochter Ava abgehauen, die heute meine Hauptprotagonistin ist. Derweil in der Villa alles drunter und drüber geht, die Polizei gerufen wird und alle Angst um Franzi und Jakob haben. 

Jetzt ist es an Ava, ihr eigenes Leben zu unterbrechen, nach Hause zu fahren und sich dort erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Aber sie ist klug und weder hat sie die Suppe gekocht, noch muss sie sie heiß essen.

Je mehr sich die Situation in meinem Roman zuspitzt, desto stärker gehe ich in die wörtliche Rede. Die Leser:innen werden immer näher ins Geschehen gezogen. Dabei vergesse ich, im Eifer des Gefechts, manchmal auch, dazuzuschreiben, wer was sagt. 

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