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Claudia Grothus

Autorin

Tag 13 – Esther und die Elemente

Heute Morgen gehe ich Hühnergötter suchen. Das bedeutet: Sehr langsames, meditatives Gehen über den Strand und dabei den Blick auf das riesige Wimmelbild aus Feuersteinen vor meinen Füßen richten.

Wasser, Felsen, Kreide. Und Holz von längst umgestürzten Bäumen, das vom Salzwasser samtig glatt geschliffen wurde. Die Nähe zu den Elementen ist wohltuend.

Ich habe einige Steine mit schönen Löchern darin gefunden, aber sie waren viel zu groß und schwer, um sie im Rucksack nach Hause zu transportieren. Trotzdem war das ein schöner Spaziergang. Und finden tut man dabei ja immer etwas. Ruhe zum Beispiel. Selbstvergessene Seelenruhe. 

Auf dem Rückweg nehme ich wieder Brötchen vom Bäcker mit. Ich entwickle, wie in Ahrenshoop, liebe Gewohnheiten. Beim Frühstück empfinde ich endlich den Blick auf das Meer als spektakulär. Puh! Hat ja dann doch noch geklappt mit dem gerne Hiersein. 


Heute schreibe ich das eingeschobene Kapitel aus Sicht von Jakobs Oma. Eine coole alte Dame. Dieses Kapitel verbindet die gesamte Geschichte und verankert sie in der Vergangenheit. Der Loop schließt sich, Jakob bekommt Wurzeln und die Leser:innen eine Ahnung, warum er so ist, wie er ist.

Mir ist seltsam zumute. Mein Roman ist organisch geworden und zu etwas Großem herangewachsen. Er hat von Ahrenshoop (wie lange mir das schon wieder her erscheint) über das Artquartier bis hierher nach Rügen ein Eigenleben entwickelt. Wo vorher ein Nichts war, steht jetzt eine Geschichte mit Orten, Personen, Geschehnissen und Gefühlen. Als wäre sie wirklich passiert. 

Das ist das Großartige am Schreiben: Man erschafft Welten! 

Einen Tag habe ich noch. Einen Tag, um das Ganze mit einem würdigen Finale zu versehen. Das ist womöglich ein noch größerer Brocken, als den Anfang zu finden. 

Für heute bin ich erstmal froh über mein gelungenes Kapitel. Feierabend. 

Ich mache mich nochmal zum Hafen auf, um an den schwimmenden, schwankenden Imbissbooten, mit ihren Verkaufstheken irgendwo in Kniehöhe, ein bisschen Fisch fürs Abendessen zu kaufen. 

Eigentlich wollte ich noch die, mit fast anderhalb Kilometern, "längste Außenmole Europas" bis zum Leuchtturm entlanggehen. Aber auf der Hälfte kehre ich um, denn dieser endlos erscheinende, unnatürliche Betonweg ist, ehrlich gesagt, ziemlich ernüchternd. Da beobachte ich lieber die Möwen. Aber heute sind fast gar keine Touristen da, denen sie den Matjes aus dem Brötchen klauen könnten.

 

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Die Kunst des Weglassens

Mir wird jetzt erst bewusst, dass mein Roman von einem besonderen Stilmittel geprägt ist. Dadurch, dass die Geschichte in jedem Kapitel aus einer anderen Personenperspektive weitergeführt wird, werden viele Handlungsstränge nicht komplett auserzählt. Es ergeben sich Lücken im Geschehen, die aber in den folgenden Kapiteln durch Nebenschauplätze wieder aufgefüllt werden. 

Zum Beispiel kommt irgendwann der große Moment, an dem Jakob von Rolf erfährt, das der sein Vater ist. Eine spannende Szene. Sie endet aber auch genau da, denn die Geschichte wird aus Avas Sicht erzählt und Ava sorgt dafür, dass Rolf und sein Sohn nach diesem Geständnis erstmal Zeit für sich allein haben und verlässt mitsamt Marlene und Franzi den Raum. 

Es wird also nicht erzählt, wie genau dieses Gespräch zwischen Vater und Sohn abläuft. Und genau das will ich. Denn da ist ein Gefühl entstanden. Und nur darauf kommt es an. Meine Leser:innen sollen in der Situation spazieren gehen können, sie sich vorstellen. Ein Weitererzählen würde diese Mühe ersparen und das Gefühl löschen. 

Später wird noch eine Szene kommen, in der Jakob und Rolf zu einer gemeinsamen Reise aufbrechen. Und damit wird dann die Lücke gefüllt. Sie haben es gemeistert, sie haben sich einander angenähert und jetzt beginnen sie, sich eine gemeinsame Biographie zu erschaffen. Es ist geglückt. Mehr muss man nicht wissen. Aber man darf in Gedanken gerne mitfahren und sich vorstellen, was die beiden erleben.

Ich mag diese Lücken. Immer wenn ich merke, dass es eigentlich langweilig und mühsam wird, das, was jetzt logischerweise folgen muss, zu erzählen, dann weiß ich: Zeit fürs Weglassen. 

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